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Foto: Christian Schröter, CC BY SA

KWS History: Stadtgeschichte Gütersloh »Die Weberei« 1997, neue Wege für Kulturarbeit in Zeiten knapper Kassen

Von KWS, Karla-Wagner-Stiftung, KWS History, 14.673 Views

KWS History: Stadtgeschichte Gütersloh … »Die Weberei« 1997, neue Wege für Kulturarbeit in Zeiten knapper Kassen

#Gütersloh, 15. Januar 2026

Mit der Wiedereröffnung der #Weberei am 3. Mai 1997 begann in Gütersloh ein kulturpolitischer Neuansatz. Der Zusatz »Alte« wurde bewusst gestrichen: Das Haus verstand sich fortan nicht mehr als #Denkmal, sondern als aktiver Ort des Wandels. Die programmatische Rede von Peter Vermeulen markierte diesen Anspruch – und ist heute ein bemerkenswertes Zeitdokument.

Vom #Industrieort zum #Kulturraum

Die ehemalige Weberei #Greve & #Güth war über Jahrzehnte prägend für die Stadt: industrieller #Motor, #Arbeitgeber, #Identitätsanker. Mit dem Niedergang der Textilindustrie in den 1970er Jahren wurde das Gebäude zur #Ruine – Symbol für den strukturellen Wandel, der nicht nur Gütersloh, sondern alle westlichen Industriestaaten erfasste.

Eine #Bürgerinitiative setzte sich Ende der 1970er Jahre dafür ein, das Gebäude kulturell zu nutzen. 1984 eröffnete hier schließlich die »Alte Weberei« als soziokulturelles Zentrum – getragen von bürgerschaftlichem Engagement und unterstützt durch die Stadt. Dieses Fundament blieb auch 1997 entscheidend: Die Weberei war von Beginn an ein Projekt der Zivilgesellschaft.

Kultur im permanenten Wandel

Vermeulens zentrale These lautete: Wandel ist kein Ausnahmezustand, sondern Normalität. Wissen veraltet schneller, Organisationen müssen lernen, Menschen sich weiterentwickeln. Kulturarbeit, so die Kritik, habe diesen Wandel lange nicht ausreichend angenommen und sei stehengeblieben in den Denkmodellen der 1980er Jahre.

Die Erneuerung der Weberei verstand sich daher als bewusste Abkehr vom bloßen Bewahren. Kultur sollte nicht museal sein, sondern gestaltend wirken – nach innen durch Inhalte, nach außen durch zeitgemäße Präsentation. Design, Kommunikation und Offenheit wurden als Voraussetzung gesehen, um neue Zielgruppen zu erreichen.

Kultur als gesellschaftliche Notwendigkeit

Die Rede verortet Kultur deutlich jenseits von Luxus. Angesichts von Arbeitslosigkeit, sozialer Kälte, ökologischen Krisen und institutioneller Entmenschlichung wurde Kultur als Gegenkraft verstanden: als Raum für Menschlichkeit, Reflexion und gesellschaftliche Erneuerung.

Dabei wurde der Kulturbegriff bewusst offen gehalten. Zwischen #humanistischer #Hochkultur und #anthropologischer #Alltagskultur zeichnete sich bereits damals eine Auflösung der Gegensätze ab. Die Weberei sollte kein Entweder oder vertreten, sondern ein Sowohl als auch: anspruchsvoll und zugänglich, experimentell und verbindend.

Kultur als Teil von #Stadtentwicklung

Ein zentraler Gedanke war die Vernetzung: Kulturarbeit dürfe nicht isoliert agieren, sondern müsse Teil eines »Netzwerks Stadt« sein. Kultur sollte mit Bildung, Wirtschaft, Sozialem und Stadtentwicklung verwoben werden – nicht als Dekoration, sondern als Motor.

Die Weberei verstand sich dabei nicht als Akteur über den Bürgern, sondern als #Infrastruktur: als Webstuhl. Die Menschen der Stadt sollten die Fäden aufnehmen, eigene Projekte entwickeln, Kultur aktiv mitgestalten.

#Professionalisierung ohne #Kommerzialisierung

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der ökonomischen Realität von Kulturarbeit. Die Weberei wurde ausdrücklich als Betrieb verstanden, der professionell geführt werden müsse – mit Zielgruppenorientierung, Qualitätsbewusstsein und wirtschaftlichem Denken. Nicht zur Anpassung an den Massengeschmack, sondern zur Sicherung von Handlungsfähigkeit.

Kulturmanagement wurde als Werkzeug begriffen, nicht als Selbstzweck. Die Herausforderung bestand – und besteht bis heute – in der Balance zwischen wirtschaftlicher Stabilität und inhaltlicher Freiheit.

Rückblickend

Aus heutiger Perspektive ist die Rede von 1997 bemerkenswert klar in ihrer Analyse: Sie benennt früh Themen, die heute selbstverständlich erscheinen – #lebenslanges #Lernen, #kreative #Ökonomien, #partizipative #Kulturpolitik, Kultur als #Standortfaktor und als soziale #Infrastruktur.

Gleichzeitig zeigt sie, wie fragil solche Konzepte bleiben, wenn politische Unterstützung, langfristige Visionen und strukturelle Wertschätzung fehlen. Die Fragen, die damals gestellt wurden, sind nicht erledigt – sie sind aktueller denn je.