Von KWS, Tiere, Pflanzen, Natur, Botanischer Garten Gütersloh, 7.883 Views
Botanischer Garten Gütersloh – Brief an Karl Rogge, »100 Jahren Botanischer« (2012)
#Gütersloh, 2012
Nun hat er also Geburtstag, unser »Botanischer«. Ich glaub’, alle Gütersloher nennen ihn einfach nur so. 100 Jahre ist es her, dass Sie mit der Anlegung begonnen haben. Und untrennbar mit dem Entstehen und der Entwicklung des Botanischen Gartens in Gütersloh verbunden ist ganz einfach Ihre Persönlichkeit, verehrter Herr #Rogge. Gern würde ich mal mit Ihnen durch den #Garten gehen, wie ich es mit Güterslohern, Gästen oder Besuchergruppen tue. Gerne würde ich Ihnen zuhören, ich glaub’, Sie hätten viel zu erzählen. Für alle, die nicht wissen, welch wichtiger Mann Sie hier waren, schreib ich einfach mal ein bisschen aus Ihrem Leben auf.
Geboren am 14. April 1884 in #Hannover, erlernten Sie ab 1898 das #Gärtnerhandwerk in #Herford. Sie bildeten sich weiter an der #Gartenbau #Lehranstalt in #Köstritz und am #Technikum in #Stargard. Eine Ihrer wichtigen beruflichen Stationen war in den Jahren von 1907 bis 1910 die Tätigkeit als Gärtner des Britischen Konsulats in #Südafrika. Nach Ihrer Rückkehr arbeiteten Sie auch in #Bochum und #Bielefeld. Doch die Zeit in Südafrika hat Ihr späteres gestalterisches Wirken wohl am meisten beeinflusst. 1912 traten Sie mit 28 Jahren als #Gärtner in den Dienst der Stadt Gütersloh und begannen kurz darauf mit der Anlage des »Botanischen«. Im Verhältnis zur damaligen Einwohnerzahl von rund 18.200 Bewohnern war dieser Garten von der Größe her schon sehr beachtlich. Sie heirateten Anna Mehlhop aus Herford und hatten zwei Kinder. Ihr Sohn Karl hatte wohl Ihre Leidenschaft geerbt, denn Sie bildeten ihn ebenfalls als Gärtner aus. Sie verloren ihn, 29 Jahre alt, im Zweiten Weltkrieg.
Genaugenommen ist es ja kein Botanischer Garten, was wir da haben, denn er stellt die #Pflanzen nicht nach ihrer geographischen Herkunft dar. Sie entwarfen vielmehr einen Schaugarten, denn die Gütersloher sollten etwas zum Anschauen bekommen. So entstand ein Blumengarten mit typischen Grundzügen der englischen #Gartenkunst: viel Baumbestand, weite Sichtachsen. Dafür pflanzten Sie Gehölze und Stauden in Gruppen. Hier wirkten sich Ihre Erfahrungen aus der Zeit in Südafrika aus. Der Kern der Anlage ist bis heute in seiner ursprünglichen Form erhalten, das wird Sie sicher freuen. Geometrische Wasserbecken, Laubengänge mit Sitznischen und hohe Hainbuchenhecken schaffen immer noch intensive Räumlichkeit und formale Geschlossenheit – so nennen das Gartenfachleute. In späteren Jahren kamen seitliche Bereiche dazu, größere Rasenflächen sowie geschwungene Wege. Nach außen schließen hohe, meist einheimische #Bäume und #Sträucher den Garten ab. Die Bäume, das sind übrigens meine »dicken Freunde«.
Dann unterbrach der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1915 Ihr Schaffen. Aber die Gütersloher waren praktische Leute. Man pflanzte in den #Blumenrabatten #Gemüse, das #Krankenhaus wurde damit beliefert. Mit Obst aus den städtischen Anlagen wurde auch die Wehrmachtsverpflegungsstelle versorgt. Nach Kriegsende ging es dann mit der Neugestaltung los. Ein zweiter Goldfischteich, ein #Laubengang und der #Kugelahorn mit #Rundbank wurden gepflanzt – Treffpunkt unzähliger Stelldicheins am Sonntagnachmittag. Inzwischen gibt es schon Kugelahorn II. Das war notwendig, weil der erste leider etwas krank war. Über viele Jahrzehnte arbeiteten Sie an der Konzeption des Blumengartens, fügten neue Bereiche harmonisch hinzu. Viele ungenannte Hände halfen Ihnen dabei. 1938 entstand der Bau des Palmenhauses, das jedoch durch den Krieg stark beschädigt wurde. Heute befindet sich an gleicher Stelle auch wieder ein Palmenhaus, das Palmenhauscafé, dem damaligen Baustil nachempfunden und gern besucht von den Spaziergängern.
1946 wurde ein #Rosengarten angelegt, der 1963 umgestaltet wurde. 1950 entstand der #Birkenhain im nördlichen Teil, sozusagen der Abschluss zur #Dalke hin. Heute wachsen da schön anzuschauende Himalaya Birken mit sehr weißer »Pelle«. Im Frühling, wenn die unzähligen Osterglocken darunter blühen, eine Etage tiefer auch dazu die #Gänseblümchen, und wenn dann die Sonne durch das erste zarte Birkengrün scheint, also, das ist schon ein Augenschmaus. Immer wieder gab es aber auch Veränderungen. 1992 wurde der Garten renoviert und anhand von alten Plänen oder Fotografien rekonstruiert oder neu gestaltet. Durch die Erweiterung 1997/1998 wurden ganz neue Bereiche angelegt. Sie würden staunen. Im nördlichen Bereich ist das der Sonnengarten, ein Teil davon ist der überaus beliebte #Apothekergarten. Ökologischer Schwerpunkt ist der Naturnahe Garten, der an den kleinen Brunnengarten anschließt. 2001 schließlich kam der #Dufttunnel des dänischen Künstlers Olafur Eliasson dazu. Bei leichtem Wind und sonniger Wetterlage fährt den Besuchern manch guter Blütenduft in die Nase.
Im März 1952 traten Sie dann mit 68 (!) Jahren in den Ruhestand, der Ihnen noch 6 Jahre vergönnt war. Hatten Sie im Ersten Weltkrieg schon einen Arm verloren, traf Sie nun ein weiterer Schicksalsschlag, als Sie durch eine #Krankheit Ihr Augenlicht verloren. Für das Grab der Familie Rogge schuf 1980 Ihre Enkeltochter, die Gütersloher Künstlerin Irene Müller, die #Bronzefigur eines Mädchens. In ihre geschlossene rechte Hand können #Blumen eingelegt werden. Das ist feinste Poesie und würde Ihnen gefallen. Und sicher auch das, aber das haben Sie ja selber noch erlebt: Aufgrund Ihrer Verdienste um das städtische Grün wurde der Weg entlang der Dalke im Stadtpark nach Ihnen benannt: Karl Rogge Weg …
Ihr Förderkreis Stadtpark Botanischer Garten, Barbara Weidler.
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